Interview

Cradle of Filth (Paul Allender)

Stell dich bitte zunächst einfach mal vor.
Hi, mein Name ist Paul und ich bin Gitarrist bei Cradle of Filth.

„Godspeed on the Devil’s Thunder“ ist härter und schneller als sein Vorgänger – wie und wann hat sich das so entwickelt?
Als ich begann, das Album zu schreiben, entschied ich, es extremer machen zu wollen. Schneller, aggressiver, brutaler. Als wir unser letztes Album, Thornography, aufnahmen, wusste ich, dass wir musikalisch wirklich überall hin gehen könnten. Es waren also rein egoistische Gründe – ich wollte wirklich schneller spielen. [lacht] Es war für mich nur vorhersehbar, dass wir noch ein weiteres Album aufnehmen würden, und das wollte ich auch – und zwar eben ein anderes schnelleres Album, mit viel mehr Blastbeats, düstereren Keys und allem. Die letzten beiden waren nicht so, sie haben sich nicht dazu entwickelt. Aber dieses Mal habe ich es so geschrieben, und so hat es sich dann auch entwickelt – düster, schnell und brutal [„dark, fast and violent“]. [lacht]

Wie funktioniert die Teamarbeit bei euch – hast du einen Einfluss auf die Texte, und umgekehrt?
Nein; wenn wir beginnen, kommt die Musik zuerst. Dieses Mal habe ich das Album mit einem Typen namens Mark Newby-Robson geschrieben, der an einigen professionellen Sinfonien mitgearbeitet hat. [Anm.d.Red.: Er war 1999 selbst Mitglied von Cradle of Filth.] Wir haben uns ziemlich zusammen gesetzt und uns Gedanken über das Ganze gemacht. Dave [Pybus, Bass – Anm.d.Red.] hat einige Ideen eingebracht, und so läuft das bei uns. Wir haben es Dani gegeben, der dann die Texte geschrieben hat, und manchmal haben wir einen Teil erweitert oder verkürzt, so, wie es besser auf die Texte gepasst hat, aber von der Musik geht alles aus. So funktioniert das bei uns.
Also gibt es da schon eine gewisse Hierarchie im Songwriting…
Ja, ich schreibe die Musik und Dan die Texte.
Sonst nichts.
Nö.

Wie sieht das aus, wenn du komponierst: ziehst du dich aus der Welt zurück und schließt dich ein…?
Nein, nicht wirklich. …ich muss zugeben, das Album zu schreiben dauerte drei Monate, und ich habe in jedem Detail mit drin gehangen. Jeden Tag für drei Monate. (…)
Mark brachte eine Menge Ideen ein für die sinfonischen Linien und die Instrumentierung; ich habe diese dann wieder zurück genommen, sie überarbeitet und zum Beispiel gesagt „kannst du diese Violinen-Melodielinie für mich instrumentieren“, dann gab er es mir wieder zurück und ich begann, ein paar Sachen zu verändern. Das Meiste ist also mit Marks immer neuen Ideen entstanden; das war wirklich cool: ich habe diesen Teil auf der Gitarre verändert, und er jenen auf dem Keyboard. (…)
Weißt du schon vorher, wie die Songs am Ende aussehen sollen?
Nein, das fällt mir ein, während ich schreibe. [lacht]

Das Artwork wirkt ziemlich ungewöhnlich – was kannst du uns über David Ho erzählen und wie seid ihr auf ihn gekommen?
Ich bin Mitglied in einem Digital Arts Forum, weil ich selber eine Menge in dieser Hinsicht mache. Wir haben uns dort umgesehen, weil sehr viele verschiedene Künstler dort sind, und er war einer von ihnen. Bevor wir auf David Ho zugingen, hatten wir schon ein paar andere gefragt, aber einer war zum Beispiel gerade auf Spanienurlaub, weshalb er nicht zur Verfügung stand, ein anderer näherte sich der Deadline eines anderen Projektes. Wir bekamen dann ein paar Skizzen von David Ho zurück, die sehr gut waren. Um ehrlich zu sein, war ich mir nicht sicher, ob wir das wirklich so machen sollten, aber na ja, je mehr er die Bilder entwarf, desto besser gefielen sie mir. Ich meine, ich wollte etwas – und das war es, was wir alle wollten – etwas, das ein bisschen mehr … ein bisschen anders ist. Ich muss zugeben, dass das Albumcover nicht so gut ist, wie ich es mir gewünscht hätte. Es ist ein bisschen zu [streng] für meinen Geschmack. Aber: es ist gut. Es funktioniert. Und… Die Bilder innen sind absolut brillant. Eines von ihnen hätte das Cover werden sollen. Aber… ja, so haben wir uns gefunden, in diesem Digital Arts Forum, und er arbeitete eng mit Dani zusammen, als ich die Musik schrieb, bis es dann Zeit fürs Artwork war.
Klingt ein bisschen wie ein Zufall.
Ja, ziemlich.

Wie bist du zur Musik gekommen und was treibt dich am meisten an?
Also, zum Heavy Metal bin ich gekommen, da war ich zwölf. Es gab da ein Musikgeschäft, das eine Menge Picture Discs aushängen hatte. Der ganze Laden war damit geradezu tapeziert – Picture Discs, Alben, jede Menge CDs – und natürlich waren überall Poster, Flyer und so weiter. Einfach eine riesige Menge an Heavy Metal Bands. Ich habe eine Picture Disc von Iron Maidens Single The Trooper gesehen, und fand das Bild richtig cool. Also bin ich hineingegangen und habe sie gekauft, nur wegen des Bildes. Diese Picture Disc Single hat alles andere nach sich gezogen – es ist erstaunlich. So wurde ich also an den Haken genommen, als ich zwölf war. Mit vierzehn begann ich Gitarre zu spielen. Es waren gänzlich Iron Maiden, die mich dazu brachten. Ich habe mich von dort aus nach oben gearbeitet. Absolut, von dort nach oben. Ich meine, um ehrlich zu sein: ich habe nicht mit Feuereifer geübt, wie manche das machen. Ich habe mich auch zeitweise davon entfernt, wenn ich gelangweilt war, und habe etwas anderes gemacht, dann bin ich wieder darauf zurückgekommen, gelangweilt davor geflohen, und wieder zurückgekommen. Und, ja, ich habe jetzt nicht mein ganzes Herz und Seele da hineingelegt, Gitarre zu spielen … aber das Nächste, was ich weiß, ist, hier zu sein, und genau das zu tun. [lacht]

Bist du ein Familienmensch oder mehr der „einsame Wolf“?
Ein bisschen von beidem. [lacht] Im Moment ist es mehr der einsame Wolf [lacht] als solcher. Aber ich meine, ich habe einen Sohn, er ist jetzt zwölf … nein, dreizehn, er hatte Geburstag. Ich sehe ihn regelmäßig, was gut ist. (…) [lacht]

Das Beste, das dir je eingefallen ist?
Das Beste, das mir je eingefallen ist?
Ja.
[denkt darüber nach] Und das kann alles sein, irgend etwas?
Irgend etwas.
[denkt noch mal darüber nach] Meine Gitarre. Das muss so sein, das muss es sein. Meine eigene Gitarre zu designen und sie dann tatsächlich in die Geschäfte zu bringen, so dass die Leute sie kaufen können. Zweifellos. Ich kann es selber immer noch kaum glauben.

Und das Schlechteste?
Das Schlechteste? [denkt darüber nach] Das ist schwer.
Ich weiß, tut mir leid.
[lacht] Das schlechteste, das mir je eingefallen ist. Ich glaube, da gibt es nichts, das ich irgendwie fürchten oder verstecken müsste… Nein, mir fällt nichts ein, das ich als das Schlimmste ansehen könnte, das mir eingefallen wäre. [lacht]
[lacht] Ich denke, das ist ganz gut so.

Was ist für dich das Beste, oder das Wichtigste im Leben?
Ähm… A) mein Sohn. Okay… B) Meine Musik. …meine Gitarre. [lacht] Mein Artwork, das ich mache. Es ist ...einfach alles. Ich brauche all diese Dinge, um zu funktionieren.
[lacht] Na ja, es sind einfach diese Dinge, die ich wirklich brauche. Nur so funktioniere ich und bin, wer ich bin.

Wenn nicht Musiker, was wärst du dann geworden?
Ähm, Polizist.
Cool! Das ist gut...
Ja, definitiv. Also ich die Schule verließ, habe ich versucht so zu sein, und wenn – wenn – ich nicht in die Musik gegangen wäre, hätte ich ganz sicher das getan.

Hast du noch unerfüllte Wünsche oder Ziele, als Musiker oder auch im Privaten?
Ähm… Eigentlich nicht. Es läuft ja offensichtlich alles. Jeden Tag tue ich, was ich eben tue. Es gibt keinen Grund, aufzugeben, und ich denke … ja. Ich weiß nicht. Meistens wird irgendwie erwartet, in Liebe glücklich ist oder so, aber na ja, wenn die Liebe damit einhergeht, ist das eine völlig andere Geschichte. Das Leben ist so, wie eigentlich alles - ich versuche einfach, den ganzen Scheiß zu vermeiden [„avoid all the bullshit“]. Das ist es.

Wenn du wüsstest, dass morgen die Welt untergeht, was würdest du tun?
Nach Hause gehen. [„Go home.“] [lacht]

Der schönste Ort auf Erden?
[denkt darüber nach] Ich denke, der schönste Ort auf der Welt wäre ein glückliches Zuhause. Auf jeden Fall, ganz bestimmt – aber das zu erlangen ist eine Herausforderung, für Jedermann. Ich sage jetzt sicher nicht so etwas Kitschiges wie „oh, die gute alte Zeit ist vorbei, Sex haben…“ denn was sollte das. Das wäre bloß… - Ich denke, der schönste Ort auf Erden wäre es, Glück in sich selbst zu finden [„to have happiness within yourself“]. Das denke ich wirklich.

Was ist die seltsamste Frage, die dir je gestellt wurde?
Die, die du mir vorhin gestellt hast. [lacht]
Welche?
Die zu – was auch immer es war – das [schaut auf den Zettel] Blödeste das ich je getan habe… Wo ist sie denn. [sucht und findet sie] Der schlechteste Einfall, die ich je hatte. [lacht]
Okay… [lacht] Ist das gut oder schlecht?
Es ist … anders. [lacht]

Hast du jemals über eine Zusammenarbeit mit einem Künstler aus einer völlig anderen Musikrichtung nachgedacht?
Nein, eigentlich nicht. Um fair zu sein, für mich ist Cradle of Filth mein „top in the world“. Ich weiß nicht einmal, wie es auf der anderen Seite aussieht. [lacht] Ich glaube, ich wäre einfach nicht glücklich damit, etwas in einem völlig anderen musikalischen Stil zu schreiben zu versuchen. Das wäre nicht ich. Wenn du dir das neue Album anhörst, das bin ich. Das ist mein Herz und meine Seele; Blut, Schweiß und Tränen, das alles ist in dieses Album geflossen. Wenn die Leute es sich anschauen, dann ist das absolut das. Es ist ganz und gar meine Persönlichkeit, in jeder Hinsicht.

Wenn du eine Comicfigur wärst – welche?
[lacht] Welche ich wäre? [denkt darüber nach, lacht, denkt weiter darüber nach] …ich weiß nicht. Vielleicht die menschliche Fackel [„Torch“], aber ich weiß nicht warum. Du kennst die Fantastischen Vier – der Typ mit dem Feuer? Der vielleicht, aber ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Und das Warum – ich habe keine Ahnung. [lacht] Es fiel mir einfach gerade ein.

Bitte vervollständige die folgenden Sätze:
Ich mache Musik, weil…
Sie ist mein Herz und meine Seele. Sie ist, wo ich hin gehöre.
Freundschaft bedeutet mir…
Bedeutet mir… Bedeutet absolut die Welt. Was auch immer du hast, ob du verheiratet bist, oder verlobt, eine Freundin hast oder was auch immer – nichts von alledem zählt wirklich, wenn du nicht deine Freunde hast. Du brauchst deine Freunde.

Was erwartest du von der Zukunft, und welche Pläne hast du bereits?
Also, die Zukunft wird definitiv noch weitere Cradle of Filth Scheiben bringen, denn ich und Dan werden sie schreiben. [lacht] Ich denke, wir haben Pläne für’s nächste Jahr, nämlich ein bisschen zu touren. Für uns ist jedes Jahr in gewisser Weise Murmeltiertag [„groundhog day“]. Du tourst – ich meine das nicht negativ, es ist toll. Es ist ein toller Murmeltiertag [lacht] – du tourst, beendest die Tour, machst ein Album, gehst ins Studio, nimmst es auf, tourst, … und so geht es weiter, Jahr für Jahr. Jedes einzelne Jahr. Du kannst auch nicht an immer den gleichen Orten spielen, das ist auch gut. Es ist halt, ja, einfach genau so … man macht weiter, und wir machen weiter, was wir eben tun. Und wenn das, Gott bewahre, eines Tages aufhört, mache ich einfach weiter mit meinem Artwork. Es ist immer noch genau das.

apae

 

02.03.2009

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