Interview

Freedom Call (Chris Bay)

Ludwig II. - König von Bayern (1845-1886). Eine herausragende Persönlichkeit seiner Zeit... die ideale Vorlage also für diverse moderne Umsetzungen, ob literarischer, cineastischer oder - wie in diesem Fall - musikalischer Art.
Die Nürnberger Band Freedom Call hat ihr neustes Werk dem Märchenkönig gewidmet... und wir haben Chris Bay auf den Zahn gefühlt.

Ein Auszug aus dem Telefoninterview (in Zusammenarbeit mit Radio UNiCC):

Die Bandgeschichte kurz zusammengefasst?
(lacht) Ja, wir hatten letztes Jahr quasi unser 10jähriges Bestehen, wir konnten es feiern, und die Band hat in diesen 10 Jahren 6 Studio-Alben, veröffentlicht, (…) wir haben dazu noch ein Live-Album aufgenommen, im Rahmen der Tour mit Blind Guardian, im Jahre 2002, und eine EP mit 5 Stücken ist veröffentlicht worden, die allerdings nur in Frankreich und Japan veröffentlicht wurde. Wir haben in der Zeit viele Tourneen spielen können, unter anderem mit, ja, so den Größen in der Rockmusik… mit Saxon, schon im Jahr 99, wie schon gesagt mit Blind Guardian, mit Hammerfall, wir haben viele Shows mit Gamma Ray und Helloween gespielt, ja, und freuen uns natürlich auch nach 10 Jahren noch quasi im Fokus des Geschehens stehen zu dürfen, und können es gar nicht erwarten jetzt Anfang Februar wieder loszuziehen auf eine fast 2monatige Tour, mit Gamma Ray durch Europa zu ziehen.

Anlässlich des neuen Albums…
Legend of the Shadowking, da geht es um Ludwig II,

Ja
Warum?

Ja gut, Freedom Call ist eine Band, die in Bayern ansässig ist, genauer gesagt in Franken, aber da sehen wir großzügig drüber hinweg, obwohl ja so ein gewisser Lokalpatriotismus sehr vertreten ist – Bayern gegen Franken – aber wir sehen das nicht so eng… und da König Ludwig II auch der bayrische König war, haben wir uns gedacht, warum sollte man, wie viele Heavy Metal Bands ja, im Mittelalter rumstochern und über Drachen und Feen und Ritter schreiben, haben wir uns gedacht, die Geschichte liegt uns eigentlich direkt vor den Füßen, und deswegen haben wir das Konzept um König Ludwig aufgenommen, haben natürlich auch recherchiert, haben uns so’n bisschen rein gelesen, haben uns auch mit Bildmaterial, soweit verfügbar, versorgt, und haben festgestellt, dass es eine sehr sehr interessante Geschichte ist um König Ludwig, da es ja gerade mal hundert Jahre zurückliegt, und das kann man noch ungefähr nachvollziehen, also es ist jetzt nicht in irgendeiner nicht mehr nachvollziehbaren Zeit, diese Geschichte, sondern man kann sich da absolute reinversetzen, in diese Zeit, und es waren noch mehrere Elemente, die natürlich sehr interessant sind für geschichtsinteressierte Menschen, dass König Ludwig auch eine Beziehung z.B. zu dem deutschen Komponisten Richard Wagner hatte, der uns ja auch lokal sehr nahe liegt, da er in Bayreuth ja fast ein Jahrzehnt lang gearbeitet und gelebt hatte, und das waren auf jeden Fall genug Gründe, sich dem Thema mal ein bisschen anzunehmen.

Wie muss man sich den Schaffungsprozess des Albums vorstellen? Sind die Texte im stillen Kämmerlein entstanden? Habt Ihr die Schauplätze bereist? Und wieviele Bücher habt Ihr gewälzt?
Ja gut, so als bayrisches Kind quasi (lacht), wenn man hier aufwächst, bekommt man ja auch in der Schule im Geschichtsunterricht, oder auch über die Eltern, gewisse Randpunkte des Geschehens um König Ludwig mit. Und er hat ja schließlich auch seine Monumente erbaut, wie u.a. das prachtvolle Schloss Neuschwanstein, was ja eigentlich jedem geläufig ist, sogar jedem Japaner, nehme ich mal an, weil ja der Tourismus da sehr boomt, und natürlich auch sein tragischer Tod im Starnberger See, der ja in der Geschichte als Selbstmord, als Suizid ausgeschrieben wurde, worüber aber auch wieder gemunkelt wird, dass es ein Staatskomplott war und er, einfach gesagt, ermordet wurde von seinem Umfeld, weil er eben nicht im Sinne der Regierung gehandelt hatte. (...) Ein gewisses Grundwissen war schon vorhanden, aber, wie schon gesagt, wir haben uns, als wir uns entschlossen hatten, dieses Konzept aufzunehmen, durch Literatur und andere Werke schlau gemacht, haben die Sachen noch selbstverständlich detailliert nachgeforscht, dass da keine Fehler passieren, weil die Geschichte ist nunmal geschrieben und das sollten wir uns dann doch nicht rausnehmen, um die noch mal ein bisschen umzuschreiben.

Ludwig und Wagner:
Gibt es einen Aspekt der Wagner’schen Werke, der Euch besonders beeinflusst hat?

Gut, Wagner hat natürlich viele große Stücke gespielt, äh, geschrieben sorry, gespielt natürlich auch, er selber nicht, aber als Komponist auf jeden Fall vertreten, und... da gibt es natürlich Ring der Nibelungen, es gibt Rheingold, also es gibt unzählige Sachen, die interessant sind, gerade in dem Rockbereich oder Metalbereich, da Richard Wagner durch seine Kompositionsweise sehr dem Bombast und dieser großen und mächtigen Muße nachgegangen ist, und das ist natürlich für einen Heavy-Metaller sehr leicht nachzuvollziehen, also ich würde so eigentlich fast behaupten, dass Richard Wagner der Heavy-Metaller unter den klassichen Komponisten war. Und ich will jetzt nicht soweit gehen, dass wir uns jetzt nur durch Wagners Musik haben inspirieren lassen, für die Musik. Das ist eigentlich eine typische Freedom Call -Komposition, aber selbstverständlich lässt man sich durch diese geschichtliche Verbindung zwischen Richard Wagner und König Ludwig noch zusätzlich inspirieren und sich in die Zeit fast... ja hineinkatapultieren.

Es gibt einige Songs auf dem Album, bei denen ich bis jetzt keinen Zusammenhang zum Bayernkönig herstellen konnte…
Was z.B. hat Merlin mit Ludwig zu tun?

Richtig. Das ist die sehr gern gestellte Frage, die auch absolut berechtigt ist. Da wir auch einige Songs vor dem Songwritngprozess des Konzeptes geschrieben haben, hat das natürlich nicht ganz übereingestimmt, logischerweise. Und wir haben uns tatsächlich Gedanken gemacht, die schon vorhandenen Texte umzuschreiben, um sie dem Konzept anzugleichen, haben aber dann bemerkt, dass einfach die Authentizität gefehlt hat, von den Songs, wie z.B. Merlin oder Tears of Babylon; und dann haben wir einfach beschlossen, dass wir diese Songs aus dem Konzept rauslassen, und dass wir sie einfach so stehen lassen, wie sie entstanden sind, weil die ersten Ideen sind leider auch immer die besten Ideen, und sobald man versucht da irgendwas zu verändern an der Grundidee wirkt es sehr schnell synthetisch. Und das wichtigste, was wir erhalten wollen, ist die Authentizität der Songs.
Da bin ich beruhigt, ich dachte schon, ich hätte dahingehend eine große Wissenslücke.

(lacht) ich meine, wir hätten ja auch was erfinden können. So als Storyteller, die neuen Gebrüder Grimm.

Vom aktuellen Album abgesehen: Welches ist Dein persönlicher Favorit?
Ja, das ist immer eine sehr schwierig zu beantwortende Frage, gerade an den Mitkomponisten und Künstler, da man natürlich zu jedem der Werke eine ganz besondere Beziehung hat. Natürlich liegt mir im Moment das neueste werk, Legend of the Shadowking am meisten am Herzen, weil es eigentlich meiner momentanen emotionalen Lage noch am nächsten liegt. Wenn ich jetzt zurückgucke auf werke wie Eternity, welches im Jahre, ich glaube, 2002 entstanden ist... ich hör's immer wieder gerne, aber ich würde vielleicht in meiner momentanen Situation, ob jetzt emotional oder durch Erfahrung gewachsen, einige Sachen vielleicht ändern, oder ich empfinde sie einfach anders, wie es damals war. Und da ja Musik glücklicherweise eine absolut emotionale Angelegenheit ist, bin ich eben durch diese Gefühle am meisten verbunden zu der Musik, und da liegt mir das neueste Werk natürlich am meisten am Herzen.

Peripherie:
Wie kann man sich einen ganz normalen Tag in Deinem Leben vorstellen?

(lacht) Ja, wie sich die meisten das wahrscheinlich klischeemäßig vorstellen, so um 12, halb eins mittags klingelt der Wecker, dann wird erstmal ein Bier aufgemacht, die Jack Daniels -Flasche steht nicht weit weg (lacht) Punkt Punkt Punkt.
Das ist, denke ichmal, immer noch dieses Klischeedenken, das immer noch viele haben. Schon allein, wenn man neue Leute kennenlernt, und es stellt sich dann heraus, dass man 'Musiker ist, dann wird immer gleich so'n bisschen nachgedacht, „Ja, Du bist Musiker, ok. Und was arbeitest Du?“ (lacht) Also da kommt dann immer eigentlich gleich im Anschluss diese Frage, dass eigentlich ein Musiker. dass das so als Beruf eigentlich nicht wirklich akzeptiert wird, oder respektiert wird.
Aber... ich stehe eigentlich relativ früh morgens auf, also ich muss mich jetzt nicht um sechs irgendwo hin quälen, aber so gegen acht oder neun Uhr stehe ich auf und hab eigentlich immer was zu tun. D.h. Wir haben ein eigenes Tonstudio, da muss immer viel gemacht werden, das betrifft ja nicht nur die Produktionen im Studio, sondern auch für die Live-Aktivitäten muss viel vorbereitet werden, und natürlich muss man immer am Puls der Zeit leben, d.h. Man muss sich auch informieren, über neueste Studiotechnik, über neueste Sounds, die zur Verfügung stehen. Und dann habe ich natürlich noch, neben Freedom Call, eine weitere musikalische Tätigkeit in einer Heavy Metal -Coverband, die heißt F.U.C.K. [Fuck, ja tatsächlich, die heißt so, allerdings mit Punkten zwischen den Buchstaben, damit das nicht so polarisierend wirkt] und mit der spiele ich so, eigentlich fast jedes Wochenende, im Raum Süddeutschland, teilweise aber auch übergreifend in den Bundesländern. Und damit habe ich eigentlich schon fast mehr Stunden auf dem Kalender als so mancher 9to5[Nine-to-five] Jobber.

Mit anderen Worten kannst Du aber auch von der Musik leben...
Es geht. Ich werde natürlich nicht reich... Also jeder, der sich entschließen sollte viel Geld zu verdienen, sollte alles andere machen als Musik, außer er hat gleich einen Millionen-Seller, wo die Wahrscheinlichkeit allerdings sehr gering ist.
Aber es geht. Man muss eben viel arbeiten, und man darf auch nicht zurückschrecken, dass man auch streckenweise viel arbeiten muss, ohne dafür bezahlt zu werden. Also es ist eigentlich ein ständiges up and down, aber wenn man schon quasi von der Hand im Mund leben muss, dann soll man wenigstens was machen, was einem richtig viel Spaß macht.

Wenn Du so viel zu tun hast, bleibt da eigentlich auch Zeit nur für Dich? Für Hobbies?
Ja, das Gute ist, wenn man sein Hobby zum Beruf macht – wie man so schön sagt – muss man nicht arbeiten. Dieser Beruf, die Leidenschaft, Musik zu machen, die natürlich übergreifend. Auf der einen Seite verliert man vielleicht ein bisschen Leidenschaft dadurch, weil man eben damit Geld verdienen muss, und man sich nicht immer aussuchen, was man machen will, aber man findet doch immer wieder zurück zu der Liebe, von der Leidenschaft, und... hat das automatisch auch als Hobby. Also ich verbringe auch meine Freizeit... das ist natürlich übergreifend; man kann das dann schwer auseinander halten – was ist Freizeit, was ist Beruf?
Aber neben der Musik treibe ich sehr viel Sport, also ich bin leidenschaftlicher Mountainbiker, was auch schon die ein oder andere Verletzung (lacht) mitgezogen hat, und ich laufe sehr gerne, und bin in der Natur. Ich fahr gerne in die Berge und verbringe da Zeit, und... ja, damit wäre eigentlich dieser Punkt auch mit ausgefüllt. Und schlafen muss man ja auch irgendwann mal. (lacht)

Bist Du ein Familienmensch?
Gar nicht. Obwohl ich von meinem Tierkreiszeichen Krebs bin, und denen wird ja diese familiäre und häusliche Ader zugesprochen, und dem entspreche ich eigentlich überhaupt nicht. Das ist bei mir das Gegenteil; ich bin sehr sehr gerne unterwegs, ich reise sehr gerne, und bin auch mit der Band sehr gerne auf Tournee, und vermisse eigentlich das häusliche und familiäre gar nicht. Also ich bin... auch... quasi... also nicht Single, aber auch nicht verheiratet, ich bin ledig und habe mir deswegen einfach den Freiraum geschaffen, der einfach notwendig ist, um so einen Beruf zu machen. Weil ich denke, als Familienvater oder als... ja, verantwortlicher Mensch für eine Familie ist es, glaube ich, sehr schwer, zu realisieren, auch mal sechs oder acht Wochen sich davonzustehlen und durch Europa zu reisen, und alles andere hinter sich zu lassen.

Wer sind oder waren die Helden Deiner Kindheit?
(lacht) äh... Pipi Langstrumpf, definitiv – habe ich sehr sehr gerne geguckt als ich klein war. Ich weiß nicht, ob man das noch kennt: Pan Tau – ich glaube, das war eine tschechische Serie [Anm.d.Red: CZ 1970, 33 Episoden, mit Otto Simánek] – das fand ich super Klasse. Und... wir hatten ja damals nichts, als ich jung war (lacht). Ich bin noch aus der Generation, da gab's früher Drei Fernsehprogramme, und das war's. Und zu meinem Leiden habe die erst am Spätnachmittag angefangen, und da hat man natürlich nicht die Möglichkeit gehabt, sich irgendwelche Helden direkt nach der Schule anzueignen.
Ja, und von der musikalischen Seite waren auf jeden Falle große Helden i meiner Jugend, Ian Gillan von Deep Purple, und natürlich [David – Anm.d.Red].Coverdale von Whitsnake. Denen habe ich auf jeden Fall nachgeeifert.

Wenn Du für einen Tag im Leben jemand anderer sein könntest: Wer wärest Du?
Eine Frau.
Warum?

Puh, da möchte ich jetzt nicht so direkt drauf eingehen, aber es würde mich einfach mal interessieren, schließlich wird man ja oft genug mit dem zauberhaften Wesen konfrontiert, und dann würde ich es auch gerne mal nachvollziehen, wie es sich in dieser Person auch anfühlen würde. Oder vielleicht die Ein- und Ansichten, oder Silhouetten aus der Sicht einer Frau mal zu betrachten, das würde mich schon interessieren.

Der schönste Platz auf der Welt – für Dich?
... die Bühne.
Grundsätzlich?

Grundsätzlich. (Pause) Ich bin viel gereist, habe viele schöne Plätze der Welt gesehen, aber am wohlsten fühle ich mich auf der Bühne, das gibt mir einfach am meisten. Alles andere ist für mich zu schnell vergänglich.

Wenn Du wüsstest, dass morgen die Welt unterginge, was würdest Du tun?
Eine Frau sein? Nein (lacht)
Ich würde versuchen, mich mit all meinen Freunden zu treffen, und einfach noch mal richtig schön feiern, weil das ist genau das, warum wir, meiner Meinung nach, auf der Welt sind: das Leben zu genießen.

Wenn Dein Leben verfilmt werden würde, wer würde Dich spielen? (lacht) Brad Pitt?
Ähm.. ja, schwer zu sagen. Wen ich zur Zeit tierisch gut finde, ist – ich weiß gar nicht den Namen... Markus? - Schweighöfer [Anm.d.Red: Matthias] (...) das ist ein Schauspieler aus Berlin, ganz bekannt, hat schon auch einige internationale Sachen gespielt. Den finde ich klasse. Der hat sich irgendwie in den letzten... Monaten in mein herz gespielt. Als männlichen Schauspieler finde ich den klasse. (...)

Zurück zum Lokalpatriotismus:
Ja...
Bist Du Fan von Nürnberg oder FC Bayern?

Nein!!! Selbstverständlich 1. FC Nürnberg. Also, wir haben zwar Verständnis für diesen patriotischen Fauxpas, dass Franken zu Bayern gehört, da stehen wir eigentlich darüber, aber was den Fußball anbetrifft, muss man dann schon einen gewissen Lokalpatriotismus an den Tag legen. Nein! Großer 1.FC Nürnberg -Fan.

mica

 

01.03.2010

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