Interview

Doro Pesch im Interview

Vorstellung:
Ja, ich bin die Doro, der richtige Name ist Doro Pesch, und ich mache seit mehr als 25 Jahren Musik. Im weitesten Sinne ist das Rock / Metal, und... ganz viele Hymnen dabei, ganz viele harte Sachen, aber auch Balladen. Ich mach das mit Leib und Seele seit... ja, seit so langer Zeit, und jetzt haben wir gerade das 2500 Konzert in Vorbereitung.

Was hat Dich ursprünglich zur Musik gebracht, und was hält Dich nach dieser Zeit immer noch?
Ja, ich war ja schon, seitdem ich 3 Jahre alt war, ein totaler Musikfan, das hat also schon ganz früh angefangen. Ich wollte immer Sängerin werden, und dann hatte ich meine allererste Band mit 15/16 – dann hatte ich noch ein paar andere Bands – und dann haben wir uns als Warlock zusammengefunden. Das war dann recht erfolgreich, und hat uns dann auch den Durchbruch gebracht. Ich habe nebenbei, so in den Anfängen, noch eine Lehre gemacht, aber ich hab schon gemerkt: das Herz schlägt so für Musik; das ist es, wo ich mich in meinem Element fühle. Und dann habe ich gedacht: Ich möchte das gerne als Beruf machen.
Musik erfüllt mich eigentlich jeden Tag. Auch wenn es mal schwierige Zeiten waren, Musik hat mich immer durchgebracht, mir ganz viel Kraft und Power gegeben. Wenn ich Songs selber schreibe, möchte ich dasselbe auch den Leuten geben, gute Energie und ganz ganz ganz viel Power.
Wobei wir auch – z.B. bei Balladen – sehr viele traurige Songs haben, aber auch das, finde ich, hat was Positives... dass man halt dasselbe spürt wie jemand anderes, der gerade eine schmerzliche Erfahrung oder was erlebt hat wie, dass ist ein geliebter Mensch gegangen ist... Da gibt es so viele Facetten, eigentlich... von super-hart bis super-sensibel ist das ganze Spektrum dabei. Die Hauptsache ist, es kommt aus dem Herzen. Das ist das Einzige, was bei jedem Song dabei ist. Also es gibt keine richtigen Regeln, wie der Song klingen muss oder wie der Song gemacht wird. Die Hauptsache ist, er kommt... ja, ganz tief aus dem Herzen und aus der Seele.

Hast Du in all der Zeit jemals ans Hinschmeißen gedacht?
Nee! Nee, selbst wenn's schwieriger wurde... in manchen Jahren... also z.B. in den 90ern, da wurde Grunge auf einmal so hochgehandelt, die Musik, die wir gemacht haben, stand da hinten an, das war unheimlich schwer, aber ich hab immer gedacht: „Dranbleiben und weiterkämpfen!“
Und 1999/2000 merkte man, dass es wieder einen Aufschwung gab, und jetzt im Moment ist Rock und Metal wieder so groß, wie in den goldenen 80ern! Es war unglaublich, dass es wieder so populär geworden ist. Ich habe nie daran gedacht, aufzugeben, aber es war immer ein auf und ab, nicht immer stetig bergauf, manchmal hatte man das Gefühl: „Oh, das war super, die Platte ist super eingeschlagen.“ und bei der nächsten Platte konnte es schon wieder ganz anders sein. Eigentlich fängt man immer wieder quasi bei Null an und versucht's auf's Neue. So bleibt es aber auch immer spannend. Es ist nie so, dass man sich auf den Lorbeeren ausruht, denn nächstes Jahr kann es schon wieder ganz anders sein, und je länger man das macht, je mehr liebt man es auch irgendwie. Ganz am Anfang hat man zwar Musik immer geliebt, aber... also wie die erste Platte raus gekommen ist, die haben wir einfach aus Spaß, aus Jux und Tollerei gemacht, und hinterher wurde es auch Geschäft, die großen Plattenfirmen haben uns dann unter Vertrag genommen, danach wurde es schon ziemlich anders – Business – da musste man sich auch erst dran gewöhnen... da sind auch viele Tränen geflossen, muss ich sagen, denn eigentlich hatte man Musik gemacht, weil man es als Hobby machen wollte, und wie's dann zum Beruf wurde, das war dann doch sehr heftig teilweise.

Woher bekommst Du Deine Inspiration?
Also Ideen fallen mir eigentlich immer ein, meistens kurz bevor ich einschlafe. Da kommen dann die Ideen, die mir vielleicht so auf der Seele brennen, und dann habe ich meine Handy daneben, und sing das ganz schnell ein, damit ich's bloß nicht vergesse.
Eigentlich ist so das ganze Jahr; also wenn wir auf Tour sind oder so, ich werd von allem und jedem inspiriert, z.B. auch wenn wir in anderen Ländern sind... da sieht man dann manchmal, wie gut wir es hier haben, und woanders ist es ganz schön heftig. Also, wir waren jetzt z.B. das erste mal in China, und da hat man schon gemerkt, die Leute sind da gar nicht so frei, das ist alles ziemlich hart, oder könnte hart werden, das merkt man sofort. Also das hat mich inspiriert, und ich werde bestimmt auf der nächsten Platte einen Song dazu machen. Also, es beeindruckt halt schon; die anderen Kulturen, Mentalitäten, besonders, wenn man das Gefühl hat, die Leute leiden, das ist ganz heftig. Also, ich muss sagen, man kann froh sein, dass man hier so frei aufgewachsen ist, also... in manchen Ländern ist es ja praktisch unmöglich als Frau öffentlich aufzutreten.
Wir hatten gerade in der Türkei gespielt, und es waren ganz viele Fans in den ersten Reihen, und die haben sich so total gefreut, das hat man sofort gemerkt, es war ganz überschwänglich. Und dann haben wir uns nach dem Konzert getroffen, und ich hab gefragt, wo die denn überall herkamen – ich bin davon ausgegangen, dass sie alle aus der Türkei kamen, aber nein – die kamen alle aus dem Iran und Irak und haben echt ihr Leben auf's Spiel gesetzt, um da zu diesem Festival zu kommen, es war das Rock Republik Festival in der Türkei. Naja, dann haben wir uns unterhalten, und sie meinten, es wäre das Schönste, wenn wir mal zu denen kommen könnten ins Land, ich hab gedacht, klar gerne... aber als Frau ist das ja im Moment noch absolut unmöglich. Auch Metal wird da eher geächtet, die Bands die da proben... da sind auch manche Proberäume beschossen worden... also das ist... ja, unglaublich. Ich habe immer gedacht, jeder hat die Möglichkeiten, aber dem ist gar nicht so. Und je mehr wir touren, in Ländern, wo wir früher nie hingekommen sind, je mehr merkt man eigentlich, dass man total glücklich sein kann, dass man wirklich alles machen kann, alle Möglichkeiten hat.

Ihr gebt demnächst Euer 2500stes Konzert: Wer hat die alle gezählt?
Die haben die Fans gezählt. Aber wir hatten in den 80ern paar Schwierigkeiten gehabt – denn damals gab's ja noch kein Internet – also da ist jetzt nicht jedes Akustik-Set dabei. Es sind also wahrscheinlich schon mehr als 2500. Die ganzen Fans und Fanclubs haben sich zusammen getan, und letztes Jahr meinte der erste: „Ey, das sind ja beinahe 2500 Konzerte...“ Dann haben wir nachgezählt und jetzt wollen wir das ganz groß feiern, in meiner Heimatstadt Düsseldorf, wo alles angefangen hat – dort haben wir ja schon die 2 Jubiläen gefeiert, das 20jährige und das 25jährige – na und jetzt wollen wir am 13. März alles auffahren, was geht, mit Überraschungen, und halt alles an der Zahl 2500 festmachen. Es gibt 2500 Tickets, 2500 Überraschungen, also wir lassen uns jede Menge einfallen, da das ein unvergesslicher Abend werden soll. Also ich denke schon... die Jubiläen, das war immer so 'wow', noch schöner wie ein normales Konzert. Und jetzt das, das wollen wir auch ganz speziell feiern.

Eine witzige Anekdote?
Oh Gott, oh Gott... (denkt nach)
Es gibt ja so viele Anekdoten...
Ja, doch... also:
Da haben wir letztens irgendwo gespielt, und der Veranstalter hat uns sein ganzes Haus zur Verfügung gestellt, so als Backstage-Bereich, und ich hatte da ein wunderschönes Zimmer mit einem Bett drin, konnte mich also vorher ein bisschen Hinlegen, was ich immer gerne mache vor einem Konzert, kleines Nickerchen... naja, auf jeden Fall haben wir Konzert gemacht, und dann bin ich in das Haus gegangen, wollte in mein Zimmer, und dann denk ich mir: „Was ist das denn?“ Da hat jemand ganz ganz laut geschnarcht. Das war ein Fan, der hatte sich durch ein ganz kleines Fensterchen gezwängt, ich weiß auch nicht, der war ziemlich füllig, aber hat sich da durch gepfercht. In meinem Zimmer war die Minibar, mit, für die Band und Roadcrew, ganz viel Alkohol: Whiskey, Wodka, Bier, das ganze Programm... naja, und er hatte da wohl auf mich gewartet, dann ist ihm wahrscheinlich langweilig geworden und so hat er die ganze Minibar, alles ausgetrunken, hat sich also fast ins Koma getrunken, dann auf's Bett... naja, und ist auch nicht mehr wach geworden. Was immer er vorhatte, ob er vielleicht ein nur Autogramm wollte, oder eine Umarmung, keine Ahnung. Wir haben ihn auf jeden Fall dann rausgetragen, und er hat nichts mehr gemerkt... hat aber ein ganz glückliches Lächeln auf dem Gesicht gehabt, das muss ich dazu sagen.
Ich weiß nicht, was er sich vielleicht noch vorgestellt hat... naja, also der Oberkörper war auf jeden Fall schon frei gemacht, es waren bestimmt Hintergedanken noch dabei... Wir fanden's zwar lustig, haben uns aber gedacht: „Demnächst stellen wir besser Security vor den Backstage-Bereich.
Aber sowas ist eigentlich ganz selten, normalerweise sind die Fans immer total happy und super, so wenn man sich dann noch nach dem Gig so'n bisschen unterhält – das mag ich total gerne, ich lieb die Fans über alles, das ist für mich das Wichtigste auf der ganzen Welt. Ich mag das gerne, so ganz engen Fankontakt, aber das wäre ein bisschen zu eng gewesen. (lacht)

Was wäre Dein schlimmster Albtraum, auf der Bühne?
Das ist, glaube ich, der eines jeden Musikers: das man sich auf den Po legt, dass man ausrutscht. Und meistens ist es auch kurz davor, weil... wenn man nass geschwitzt ist, dann ist die Bühne total glitschig, und rutschig. Oder wenn noch ein bisschen Trockeneisnebel, hier bei Pyrotechnik, da kann es manchmal ganz glatt sein. Alle Musiker bei uns haben sich schon irgendwie hingelegt. Also das ist echt ein Albtraum. Wenn man trotzdem noch cool dreinblicken muss, und sich aber fühlt wie... wie der letzte Idiot. Wenn man auf die Nase fällt, oder auf den Popo...
Besonders im heutigen Zeitalter, wo jeder ein Handy hat, mit Photo... also ich glaube, das möchte man dann nicht so gerne im Internet sehen (lacht). Das bringt einen doch so'n bisschen raus.
Das ist auch schon ein paar mal passiert, da musste ich mich auch erstmal ein paar Minuten fangen.
Aber naja, es ist eben auch lustig... aber nun ja, ich muss sagen, das braucht man nicht so oft.

Gibt es eine Entscheidung in Deinem Leben, die Du bis heute bereust?
Och, eigentlich habe ich immer versucht, das Beste aus allem zu machen. Die Karten, die man zugeteilt kriegt, die muss man eben am Besten spielen und das Beste draus machen; und eigentlich habe ich immer das Gefühl gehabt, ich hab alles gegeben, hab alles versucht, es... positiv zu machen. Also eigentlich habe ich... No Regrets... ich denke, eigentlich ist alles ganz gut gelaufen. Auch wenn's schwierig war, hat es einem hinterher doch die Kraft gegeben, auch andere Sachen zu verstehen, es ist gar nicht schlecht, wenn's immer auf und ab geht. Ja, dann muss man halt ein bisschen härter kämpfen, und man weiß es hinterher auch viel mehr zu schätzen, wenn man dann wieder eine Glückssträhne hat. Ich glaube, ich habe für mich eigentlich immer... ja, alles versucht, das Beste draus zu machen.

Wie sieht Deine Vorstellung eines perfekten Tages aus?
Oh, der perfekte Tag wäre ein Tag, an dem ein schönes Konzert stattfindet, wo ich im Tourbus schlafe, wo ich aufwache, wo ich schon höre, die Fans sind draußen in guter Stimmung und in bester Laune... ja, und dann gehe ich meistens in den Backstage-Bereich, esse noch was, schminke mich, zieh Bühnenklamotten an und dann... wenn ich merke, an dem Abend ist die Stimmung so richtig richtig grandios, und wenn's dann raus auf die Bühne geht und der Abend wird wirklich wundervoll, wenn es nicht jeden Tag gleich ist. Es ist halt immer wieder von neuem ganz spannend. Und es gibt manchmal im Jahr wirkliche Highlights, wo man gar nicht weiß, wieso; es können manchmal die kleinsten oder größten Hallen sein, manchmal total unerwartet... Das ist für mich der perfekte Tag. Wenn es ein ganz tolles Konzert mit emotionalen Augenblicken ist, das ist für mich das Optimalste.

Wo oder was ist für Dich der schönste Platz auf der Welt?
Och eigentlich würde ich anschließend sagen an das, was ich eben gesagt habe: auf der Bühne, wenn's ein grandioses Feeling ist, wenn sich alle total freuen und begeistern, und alle mitgehen, mitsingen, also da... würde ich auch sagen: auf der Bühne.
(...) Aber ich muss auch sagen, ich bin selber ein großer Musikfan, ich gehe auch nach wie vor in anderer Leute Konzerte, freu mich da total, also wenn's da super abgeht, dann... ist das... super. (...) Also ich bin nach wie vor auch Musik-Fan und Fan von anderen Bands. Da habe ich auch so totale Glücksgefühle, wenn dann auch ein tolles Konzert geboten wird. Es ist nicht nur, dass man selber eines geben möchte, ich genieße es auch, wenn andere Bands ganz tolle Sachen spielen.

Wenn du für einen Tag eine andere Person sein könntest, wer wäre das?
Ooohh... (denkt nach) Also ich war früher immer ein totaler Fan von Janis Joplin, und da sie ja auch vor meiner Zeit war – ich hab ja die Zeit nicht mitgekriegt – also das hätte ich gerne erlebt. Also wahrscheinlich... ja, einen Tag mal zu tauschen... Bevor die Drogenexzesse angefangen haben, sie war ja auch hinterher ziemlich... ziemlich kaputt, und drogentechnisch heftig drauf, aber... ja vielleicht so kurz davor die Zeit, das hätte ich gerne erlebt. Sie ist mit eine der grandiosesten Sängerinnen und Persönlichkeiten, also ja, mit ihr hätte ich gerne mal getauscht.

Was sind die drei schönsten Momente Deiner Vergangenheit, bisher?
Das war schon das legendäre Konzert in Castle Donington, das war 1986, wo wirklich alles angefangen hat. Danach hatten wir das Gefühl gehabt, da wurde es was. Das war noch zu Warlock-Zeiten... Das war ein Moment, dann noch die Studio-Sachen zusammen mit Lemmy... unvergesslich. Wenn ich eingesungen habe, hat er mich immer kurz vorher umarmt, und hat mir ein Küsschen auf die Stirn gegeben, gesagt „Jetzt Doro, jetzt!“ und so, und „Ich bin bei Dir, Du schaffst das.“ Und dann habe ich gesungen wie... ja, wie ein junges Vögelchen. Und der dritte Moment... ich würde sagen, das war, wo wir Wacken gespielt haben, mit Orchester. Und das war mit einer der unglaublichsten Momente. Das war... wow... Also das war vor ein paar Jahren, wir haben's auch auf einer DVD festgehalten. Aber es gab noch so viele andere schöne Momente, also... auch das Jubiläumskonzert, das letzte, das war am 13. Dezember 2008, das 25jährige. Das war mit eines der schönsten und längsten Konzerte, die wir je hatten, das ging so 3 ½ Stunden, mit ganz ganz vielen Gästen, viele Gäste haben mich da überrascht... die Scorpions waren da, und die ganzen Frauen des Metals und Rock, Bobby Blitz von Overkill, alle möglichen Leute kamen dahin und haben gefeiert, Regina Halmich, die Box-Weltmeisterin, hat mich angesagt, das war auch so'n Highlight. Ja, also das muss ich auf jeden Fall noch mit in die Highlights nehmen. Und wir sind gerade dabei die DVD fertigzustellen, die soll auch irgendwann demnächst rauskommen, in den nächsten vier/fünf Monaten. (...)

Hast Du einen Tipp für junge Musiker?
Ja, ich würde sagen... alles nutzen, was man heutzutage machen kann. Im Internet, ich finde, das ist echt grandios, dass man selber viel Promotion machen kann, nicht abhängig ist von Plattenfirmen oder von anderen Leuten. Also da, würde ich sagen, sich gut darstellen, im Internet, schöne Webseiten haben, wo halt die Leute das auch interessiert, Ja, und dann würde ich sagen, einfach das machen, was man fühlt, was man machen möchte, egal, was irgendjemand sagt, so... einfach nach dem Herzen gehen und nie aufgeben. Es ist immer total schwer, immer ein Kampf, aber es lohnt sich. Und... immer versuchen man selbst zu bleiben, und das zu machen, was einem entspricht, und... ja, und dranzubleiben. Am Anfang ist es bestimmt sauschwer, aber je länger man es macht, je mehr Respekt kriegt man auch von anderen Leuten, als Newcomer muss man sich, glaube ich, immer grausam beweisen. Aber ich würde sagen, Dranbleiben! Und Freude daran haben, und versuchen, gute Leute zu finden, eine gute Band, guten Manager, und eine gute Plattenfirma. Aber wenn man eine gute Band hat, dann ist das schonmal die halbe Miete, würde ich sagen.

apae, mica

 

01.03.2010

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